(Deutsch) Denken im Zeiten der Krise oder die moralische Phantasie

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Otto  Scharmer, Mehdi Yazdi und Rudolf Steiner

Christine Gruwez

Einige Nobelpreisträger  des Jahres 2008 wurden kurz nach der Verleihung ihrer Auszeichnung zu einem Runden-Tisch-Gespräch eingeladen, das im Rahmen des BBC-Programms World Debate organisiert war. Nachdem jeder Preisträger seinen eigenen Forschungsbereich dargestellt hatte, kamen die Teilnehmer wie von selbst auf die heutige Wirtschaftskrise zu sprechen. Der Moderator fragte, was ihrer Meinung nach die effizienteste Maßnahme wäre, um die Wirtschaft anzukurbeln. Ohne Ausnahme meinten sie, dass kurzfristige Maßnahmen keine  wirkliche Lösung bieten. Man sollte lernen, mit dem Denken größere Zeitspannen zu überbrücken. Aber noch bestimmter waren sie in der Einschätzung, dass es nur eine einzige Art der Investition gibt, die die Krise an ihrer Wurzel erfasst und gleichzeitig neue Perspektiven entwickelt, nämlich das Investieren in wissenschaftlicher Forschung und zwar in allen Bereichen der Kultur, ja auch der Kunst.

Denken in Zeiten der Krise

Im Umgang mit der heutigen Weltwirtschaftskrise, von der kein Lebensbereich verschont bleibt, treten immer deutlicher zwei Arten, wie man sich ihr gegenüber verhalten kann, in den Vordergrund. Es handelt sich dabei nicht um eine Verhaltensweise im Sinne von gefühlsmäßigen Reaktionen mit allen Nebenerscheinungen wieUnsicherheit, Angst oder Beklemmung, sondern um ein Verhalten, welches darauf zielt, Lösungen zu finden, die eine Wende herbeiführen. Ein solches Verhältnis, auch wenn es darum geht, dass etwas ‚getan’ werden sollte, spielt sich tatsächlich an erster Stelle im Denken ab – es ist also ein gedankliches Verhältnis. Dieses Denken kann ein solches sein, das zu einem ‚Be-denken’ von Maßnahmen führt oder es geht um eine Art zu denken, die dazu imstande ist, im und durch den Denkprozess selbst neue Ansätze zu entwickeln. Die zweite Art des Denkens von der wir spâter zu sprechen kommen, wird ‚das intuitive Denken genannt.

Selbstverständlich sind diese beiden Arten, denkend zu neuen Einsichten und folglich zu einem neuen Handeln zu gelangen, keineswegs heute unmittelbar aus dem Nichts entstanden. Vielmehr ist es so, dass vom allerersten Augenblick an, in dem ein sich seines Selbstes bewusstes Denken entstand, beide Denkansätze als Möglichkeit vorhanden waren, allerdings in einer solchen Ausprägung, dass von einem bestimmten Zeitpunkt in der Entwicklung der westlichen Welt, die erste Denkart, nämlich das analytische Denken, die Überhand nahm, um schlussendlich eine Monopolstellung einzunehmen. Die zweite Denkart – wir bezeichnen sie vorläufig als das intuitive Denken – wird nach Descartes in der westlichen Welt als nicht-wissenschaftlich abgestempelt und demzufolge wurde ihm nicht länger ein ebenbürtiger Platz im gängigen Diskurs eingeräumt.

Es kann interessant sein, dieses Phänomen der zwei Verhaltensarten, sowie die ‚Rückkehr des intuitiven Denkens’ auf eine solche Weise zu betrachten, dass man bemerkt, das hier drei ‚Kraftlinien’ des intuitiven Denkens, jede mit ihrer eigenen Vorgeschichte, zusammenkommen und sich an diesem Punkt begegnen können. Dass diese Begegnung eher eine Möglichkeit als die Wirklichkeit darstellt, wird anhand der Beschreibung dieser Kraftlinien deutlich werden. Es wird sich bei dieser Darstellung weniger darum handeln, die Wurzeln des intuitiven Denkens aufzuspüren, als zeitgenössische Vertreter zu Rate zu ziehen. Zunächst wollen wir uns aber einigen Untersuchungsfragen zuwenden.Wie kann der Beitrag einer solchen Begegnung zwischen diesen Strömungen im Kontext der aktuellen Krise aussehen?

Wie gestaltet sich der Beitrag eines jeden Menschen, der sich angesprochen fühlt?Auch stellt sich die Frage, ob es sich bei diesem zweiten Weg überhaupt um die ‚Rückkehr’ eines bereits Dagewesenen handelt. War dieser andere Erkenntnisweg, das heißt, das Denken, das nicht in die Fußstapfen von Descartes und Kant tritt, wirklich vollkommen von der öffentlichen Bühne verschwunden? Oder gilt dies nur für einen bestimmten Teil der Welt?

Gegenwärtigkeit als Tat

In der letzten Zeit gab es einige viel beachtete Veröffentlichungen, die alle als Hauptthema ‚presence’ und ‚presencing’ haben. Die bekannteste ist das gleichnamige Buch Presence, dem eine Reihe zusammenhängender Gespräche zu Grunde liegt, die verschiedenen Autoren, unter anderem Peter M. Senge und C. Otto Scharmer, miteinander führten. Auch wenn sich diese Autoren auf den ersten Blick an Manager im Betriebsleben richten mit dem Ziel, dem Begriff ‚leadership’ einen neuen und gleichzeitig arbeitsfähigen praktischen Inhalt zu verleihen, erreichten sie mit ihren Ideen ein viel größeres Publikum. Die Bewegung, die um diese Autoren und ihre Schriften entstand und die noch ständig wächst, ist die erste und zugleich auch die aktuellste der drei Kraftlinien.

Eleanor Rosch (Universität Kalifornien, Berkeley) äußert sich in einem Interview mit Scharmer folgendermaßen: Es gibt zwei Typen des Erkennens. Der erste Typus ist die analytische Erkenntnismethode, auf der sich alle konventionelle Wissenschaft gründet. Dem zweiten Typus liegt eher eine offene und bedingungslose Haltung anstatt ein postuliertes Ergebnis zugrunde. Es handelt sich dabei um einen Denkansatz, der bestimmte Zusammenhänge berücksichtigt, die weiter reichen als Effizienz, ein Denken, bei dem derjenige, der denkt, sich in ein größeres Ganze eingliedert.

Diese zweite Art zu denken, die Scharmer auch als ‚seeing with the heart’, als ‚sehen mit dem Herzen’, bezeichnet, hängt mit ‚presence’ oder anders gesagt: ‚presencing’, ‚an dir selbst gegenwärtig werden’, zusammen; dies öffnet den Zugang zu dieser zweiten Art des Erkennens. Scharmer beschreibt dann auch einen Weg in sieben Etappen, der zum Öffnen des Herzens, dem Schlüssel zur Erkenntnis von innen heraus, führt. Halbwegs zwischen ‚letting go’ und ‚letting come’ öffnet sich das Herz zusammen mit dem Denken und dem Willen als Erkenntnisorgan einer höheren Ordnung.

In einem Gespräch im Jahre 2003 zwischen Otto Scharmer und Arthur Zajonc wird ausführlich auf Goethes Erkenntnistheorie eingegangen, in der ein Weg von der äußeren exakten Anschauung eines Phänomens zu einer innerlichen Anschauung zurückgelegt wird, wobei sich das Phänomen „innerlich ausspricht“, aber die Objektivität durch den gesamten Prozess hindurch aufrecht erhalten bleibt. Während in der regulieren Wissenschaft das Phänomen isoliert, aus seinem Zusammenhang gelöst und eine Distanz des Betrachters eingehalten wird, damit die Objektivität gewährleistet bleibt, ist hier die Rede von einem Teilhaben am Phänomen. Die Dualität Subjekt-Objekt wird in eine höhere Einheit aufgenommen. Es ist deutlich, dass in dem Buch Presence diese Art, sich denkend, fühlend und wollend zu der Wirklichkeit zu verhalten, Grundlage und Ausgangspunkt für die Praxis ist, ‚an sich selbst gegenwärtig zu werden’, wodurch jedes Erkennen auch ein Erkennen von innen heraus sein kann, ein Erkennen, das sich selbst von Vorurteilen und Denkgewohnheiten befreit hat. Das, was in dem Buch Presence kaum oder gar nicht thematisiert wird, ist eine genaue Beschreibung des Denkprozesses als solches. Denn wenn dieses Denken, das zum ‚sich selbst gegenwärtig sein’ führt, nicht das Gleiche ist wie das gängige kausal-analytische Denken, so ist die erste Frage, die beantwortet werden sollte, noch bevor Möglichkeiten dieses andere Denken gedeutet werden, die Frage nach dem Verlauf selbst eines solchen Denkprozesses.

Denken im Iran

Überraschenderweise wird diese Fragestellung durch eine Reihe von Persönlichkeiten auf eine besonders grundlegende Weise aufgegriffen, die, unabhängig von dem, was sich im Westen seit Descartes abgespielt hat, einen vollkommen eigenen Denkrahmen entwickelten, in dem das diskursive Denken nicht an erster Stelle steht. Es handelt sich hier um die Welt der iranischen Philosophie, so wie sie vor allem seit dem 16.-17. Jahrhundert innerhalb des Kontextes der übrigen islamitischen und westlichen Philosophie sowie im Dialog zwischen ihnen einen eigenen Kurs genommen hat.

Einer der gegenwärtig angesehenen Vertreter dieser Richtung ist Mehdi Hairi Yazdi, der unter anderem in Kanada und den USA Philosophie studierte und später lehrte, um dann 1979 in den Iran zurückzukehren, wo er seine Lehrtätigkeit fortsetzte. Hauptthema seines Denkens ist die Erkenntnis in und durch Gegenwärtigkeit (‚Knowledge by Presence’), ein Thema, das er in einem auf English geschriebenen Buch ausführt. Dieser Ansatz stellt die zweite der drei Kraftlinien dar.

Yazdi unterscheidet zwischen zwei Arten der Erkenntnis: Erkenntnis durch Übereinstimmung (‚by correspondence’) und Erkenntnis durch Gegenwärtigkeit (‚by presence’). Diese Unterscheidung ist keine andere als diejenige, die auch durch die Autoren von ‚Presence’ gemacht wird mit dem Unterschied, dass Yazdi die Denkprozesse der beiden Arten äußerst genau beschreibt. Durch den jahrelangen Umgang mit den Vertretern der westlichen Philosophie (Descartes, Hume, Kant, Hegel, aber auch Heidegger, Russell, Wittgenstein, Popper und Habermas, mit denen er in seinen Werken in einen Dialog tritt) ist Yazdi imstande, mit großer Präzision die Merkmale des logisch-diskursiven Denken im Allgemeinen und die Spaltung Subjekt-Objekt im Besonderen aufzudecken.

Was die Erkenntnis durch Gegenwärtigkeit betrifft, kann Yazdi auf eine jahrhundertelange Tradition innerhalb der iranischen Philosophie zurückblicken, in der besondere Persönlichkeiten wie Suhrawardi oder Molla Sadra nicht nur das Fundament für diese Denkströmung legten, sondern – und das ist weitaus wichtiger – eine Sprache schufen, in der die einzelnen Momente des Denkens ausgedrückt werden können.

Wichtig ist, dass, wenn Yazdi (in den Fußstapfen seiner großen Vorgänger) den Denkprozess beschreibt, er immer von einer Triade ausgeht: erstens gibt es denjenigen, der erkennt, zweitens dasjenige, was Objekt des Erkennens ist und schließlich das Denken, das als eine Aktivität im Prozess eine Brücke zwischen diesen beiden schlägt.

In der analytischen Erkenntnismethode ist das Objekt des Erkennens außerhalb desjenigen, der erkennt. Das Denken muss sich Vorstellungen bedienen und Wahrheit entsteht, wenn es eine Übereinstimmung zwischen einer solchen Vorstellung und dem externen Objekt gibt. Aus dieser Art des Erkennens sind mit den entsprechenden unterschiedlichen Standpunkten, die bis in die Gegenwart in der westlichen Philosophie thematisiert werden, alle Fragestellungen nach einer methodischen Sicherheit entstanden.

In der Erkenntnis durch Gegenwärtigkeit ist das Objekt des Erkennens niemand anderes als derjenige, der erkennt. Anders gesagt: dasjenige, auf das sich die Denkaktivität richtet, erscheint innerhalb desselben Feldes wie derjenige, der die Denkaktivität ausübt. Dieses Geschehen deutet auf ‚Selbsterkenntnis’, sollte aber nicht mit Introspektion verwechselt werden, wobei das ‚Selbst’ als ein äußerliches Element vor dem Blick des Erkennenden aufgerufen wird und wobei bestimmte Vorstellungen des Selbstes benötigt werden. Ebensowenig handelt es sich um ein Zusammenfallen des Denkenden als Subjekt und als Objekt – keine unio mystica! Yazdi beschreibt die mystische Erfahrung und ihre ‚Übersetzung’ (ihren Sprachgebrauch), als eine besondere Form des Erkennens durch Gegenwärtigkeit. In dieser zweiten Art des Erkennens bleibt das triadische Grundmuster das Merkmal par excellence; die Dynamik zwischen diesen drei Komponenten macht die Erkenntnis zu einer Erkenntnis durch Gegenwärtigkeit. Die Rolle des Denkens und das Transparent-Machen des Denkens bleibt eine notwendige Bedingung. Es handelt sich weder um Selbstanalyse, noch um eine Form des Verschmelzens, sondern um ein vollkommen waches Anwesendsein im Denkakt selbst, was auf ein Gegenwärtigsein in sich selbst hinausläuft. Wir haben es hier mit einem Denken zutun, das sich selbst durch den Denkvorgang hindurch trägt. Alles sonstige Erkennen, womit das Erkennen gemeint ist, bei dem das Erkenntnisobjekt ein externer Faktor ist, betrachtet Yazdi als eine abgeleitete Form von diesem sich selbst tragenden Denken.

Während in der Erkenntnis durch Übereinstimmung immer ein Faktor der Unsicherheit bleibt, eine Unsicherheit, die durch den cartesianischen Zweifel aufgehoben werden musste, betrachtet Yazdi die Erkenntnis durch Gegenwärtigkeit als ‚leben in der Unmittelbarkeit der Wahrheit’. Zwischen dem Erkennenden und dem Erkannten gibt es keine Vorstellung, die die Brücke zwischen Subjekt und Objekt bilden muss. Beide sind von einer identischen ‚Natur’. In der Dynamik des Erkenntnisprozesses wird dies gegenseitig erkennt und führt zu einer Erfahrung von ‚Ganzheit’, die mit einer Erfahrung von Glück verglichen werden kann.

Moralische Fantasie

Bei Senge, Scharmer und den vielen, die auf ihre Fußspuren wandeln, geht es nicht sosehr um eine Erkenntnislehre, sondern um das Ringen um eine innere Haltung, die in der Interaktion zwischen Menschen neue Möglichkeiten schafft und zwar durch ein vertieftes Üben von z.B. der Fähigkeit des Zuhörens als einem sich bedingungslosen mit Kopf, Herz und Händen Öffnen für die Realität des anderen Menschen.

Yazdi seinerseits beabsichtigt sehr wohl die Entwicklung einer Erkenntnislehre (Epistemologie). Selbstverständlich geht es dabei nicht um eine Erkenntnis, die darin besteht, dass Daten gesammelt und bearbeitet werden, in anderen Worten, es geht um einen Erkenntnisprozess, in dem der Erkennende notwendigerweise miteinbezogen ist, aber seine Intention besteht aus der exakten Beschreibung und Wiedergabe aller Komponenten, die diese Erkenntnis durch Gegenwärtigkeit charakterisieren. Auf diese Weise möchte er denjenigen, der sich angesprochen fühlt, einladen, diesen Weg auf seine eigene Weise fortzusetzen.

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ergänzen sich Yazdi und Scharmer. Ersterer beschreibt die intime Art des Erkennens und der Gegenwärtigkeit, die damit zusammenhängt. Letzterer beschreibt die verschiedenen Schritte auf diesem Weg. Richtet Yazdi sich eher auf den ideellen Status dieser Erkenntnis-Durch-Gegenwärtigkeit, so richten sich Senge, Scharmer und andere eher auf die entsprechende Technik. Für Yazdi ist Gegenwärtigkeit eine Angelegenheit des Denkens, für Scharmer und andere eine Angelegenheit des Handelns.

Eine dritte Kraftlinie sollte noch beschrieben werden, die ihrerseits diese beiden (das Ideelle und das Praktische) in einer gegenseitigen Dynamik vereinigt, wodurch die Möglichkeiten des Ganzen gesteigert werden. Das ist die moralische Fantasie, wie Rudolf Steiner diese durch seine Philosophie der Freiheit hindurch entwickelte. Das sich selbst tragende Denken, die ‚Intuition’, schließt die Intention zum Handeln als innewohnenden Aspekt des Erkennens-In-Und-Durch-Gegenwärtigkeit in sich. Derjenige, der in der Unmittelbarkeit zur Erkenntnis gelangt, erkennt und realisiert gleichzeitig die wahre Natur des Ich und wird von einer Kraft durchdrungen, eine Kraft, die keine andere ist als die Liebe zur Tat.

Denn das Ich, wenn es sich selbst im Erkenntnisakt verwirklicht, ist reine Gegenwärtigkeit und Offenheit. Eine Offenheit, die keines externen Objektes bedarf, sondern prinzipiell auf dasjenige gerichtet ist, was sich immer auch hervortun möge. Es handelt sich hier um Liebe zur Tat, also nicht zu dieser oder jenen Tat mit derAusschließung aller übrigen. Auch handelt es sich um eine Gegenwärtigkeit, die in diesem sich selbst tragenden, transparent gewordenen Denken als Prozess verankert ist. Lediglich das Denken, das imstande ist, sich selbst zu schauen und zur Transparenz zu gelangen, kann zu diesem Erkenntnismoment führen. Die Liebe, die das Herz erschließt, sucht nun danach, sich über das Handeln erkennbar zu machen. Wenn das sich selbst tragende Denken als ‚Intuition’ gedeutet werden kann, so ist in einer wahren Intuition bereits mit eingeschlossen, dass sich diese auch auf das Handeln richten will. Sie ist in Potenz bereits eine moralische Intuition.

Zwischen Intuition als Gegenwärtigkeit in der Erkenntnis und Gegenwärtigkeit als Intuition im Handeln vollzieht sich die Umwandlung von der Idee zur konkreten Handlung. Die moralische Fantasie stellt die Fähigkeit dar, eine Gestalt zu erschaffen, nicht für das Was der Handlung (denn dies liegt als Keim in der Intuition verborgen), sondern für das Wie der Handlung. Denn das Wie bestimmt, ob eine Handlung Zusammenhang stiftet oder störend auf einen vorhandenen Zusammenhang wirkt. An diesem Punkt, an dem zwischen der vorhandenen Idee und dem vorhandenen Zusammenhang, das Wie als eine neue Schöpfung beide miteinander verbindet, entsteht die Freiheit. Der einzigartige Beitrag Rudolf Steiners besteht darin, mit der Ich-Gegenwärtigkeit in der Erkenntnis und im Tun, das heißt, mit der moralischen Intuition, diesen Moment freizulegen, in dem im Menschen Freiheit möglich wird. ‚Freiheit zu etwas’, nachdem sich das Herz von alledem befreit hat, was es daran hinderte, um an sich selbst gegenwärtig zu werden.

Zugleich wird hier etwas Wichtiges über die erste Art des Denkens gesagt, die sich z.B. im Falle einer Wirtschaftskrise auf dasjenige richtet, was bereits gegeben und zur Tatsache geworden ist. Daraufhin untersucht sie diese Tatsachen und zieht daraus eine Schlussfolgerung, die es ermöglicht, die Situation zu ändern. Aufgrund von Faktenmaterial entwerfen Experten neue Theorien oder kehren zu früheren Denkmodellen zurück, um eine bestehende Situation zu deuten. Anschließend lässt man diese in Form von Vorschlägen den zuständigen Instanzen zukommen, die aufgrund davon Maßnahmen ergreifen. Häufig stellt sich dabei heraus, dass diese Maßnahmen lediglich auf einen Teilbereich angewandt werden können, wodurch woanders die Situation noch erbärmlicher wird. Irgendwann entsteht dann eine neue Krise.

Was hier fehlt, ist der offene, schöpferische Moment, in dem ein Raum für Intuition im Sinne der Philosophie der Freiheit gewährleistet wird, wodurch z.B. eine Maßnahme die Gesamtheit einer Situation zum Guten wendet und nicht nur einen Teilbereich, wodurch mit einer Krise auf eine solche Weise umgegangen wird, dass man mit dem Denken tatsächlich einen längeren Zeitraum überblickt. Selbstverständlich reicht es nicht, diesen schöpferischen Moment wie eine Art Verbindungsstück zwischen Untersuchung (wie sorgfältig sie auch durchgeführt wird) und Umsetzung (wie korrekt diese auch ausgeführt wird) einzufügen. Die Vorgehensweise als Ganzes fordert ein Erschließen neuer menschlicher Möglichkeiten. Anders gesagt: nur der zweite Denkansatz, das Denken durch und in Gegenwärtigkeit, ist imstande, ‚sehend’ zu werden und eine Situation aus ihrem Zusammenhang heraus neu zu denken.

Ist es nicht höchste Zeit, dieser zweiten Art des Denkens den Platz zu geben, der ihr zukommt? Welche Synergiepotentiale liegen vielleicht in einem Zusammenwirken dieser beiden Arten verborgen, um erkennend in einer Beziehung zum Kern des eigenen Selbstes zu gelangen und somit zur Wirklichkeit? Die Stimmen, die dies fordern, was ihr Kontext auch immer sein möge, richten diese Frage letztendlich auch an jeden von uns. Während wir die erste Art zu Denken bequemlichkeitshalber ‚Experten’ zuschieben können, sind wir, wenn es um den zweiten Denkansatz geht, alle Experten mit der Bedingung, dass wir den Schritt zur Gegenwärtigkeit hin machen.

Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit, Rudolf Steiner Verlag Dornach, 2005.

Mehdi Hairi Yazdi, Knowledge by Presence (The Principles of Epistemology in Islamic Philosophy), State University of New York Press, Albany 1992.

Peter Senge, C. Otto Scharmer, Joseph Jaworski, Betty Sue Flowers, Presence. Human Purpose and the Field of the Future, Currency/Doubleday, New York 2007.