Widerstand oder was machst du da draussen?

Ziviler Ungehorsam und Widerstand | Christine Gruwez

Der Widerstand des Bürgers gegen die widerrechtliche Machtausübung des Staates – ein Phänomen, das sich mit dem Beginn des 20. Jahrhundert deutlich zu zeigen beginnt– ist heute eine weltweite Bewegung. Immer weniger kann die Dissonanz zwischen dem, was der Staat oktroyiert, und dem, was innerlich als gerechtfertigt erlebt wird, ertragen werden. Christine Gruwez erinnert – aufgrund aktueller Anlässe – an die Ursprünge des gewaltfreien Widerstands.

Eine Frage begleitete Thoreau durch sein ganzes Leben: Warum gehorchen grö- ßere Menschengruppierungen den Geset- zen und Regeln, während ihnen ihre in- nere Stimme doch deutlich sagt, dass diese gegen jede Form von Gerechtigkeit ver- stoßen? Warum konnte diese innere Stimme die Menschen nicht zu zivilem Ungehorsam führen? Was geschah mit diesen Stimmen, die langsam ausgelöscht wurden? Oder blieben sie weiter hörbar, sodass nach dem Tode doch ein Lied in ihnen weiter tönte?’

Wahrheit und Widerstand

Mahatma Gandhi las Thoreaus Essay 1906, als er in SüdAfrika aktiv gegen den diskrimi- nierenden ‹Black Act› vorging.

Auch Martin Luther King verwies in seiner Autobiographie auf Thoreau als InspirationsQuelle und sah sich selbst als Erben von Thoreaus Zeugnis, in dem es in erster Linie auf die Tat an kam.

Am 15. Juni dieses Jahres, drei Tage nach den Regierungswahlen, fand in Teheran ein Protestmarsch statt; ein Menschenmeer bewegte sich vom Platz der Revolution in der Nähe der Universität zum Platz der Freiheit – nicht nur ein symbolischer Weg zur Freiheit. Ein nicht enden wollender Menschenstrom zog in fast vollkommener Stille durch die Straßen. Das tiefe Schweigen und die das Schweigen tragende Innerlichkeit sprachen Bände.

Kampf mit dem Bügeleisen

Es war eine der vielen Formen bürgerlichen Ungehorsams, die im Nachklang der Juni-Wahlen Menschen mobilisierten; auch wenn dies harte Repressionen zur Folge hatte, sodass der Widerstand schließlich nur noch in den eigenen vier Wänden stattfinden konnte. Am 8. August 2009 kam es zu einer koordinierten und geplanten Überlastung des Stromnetzes in der Region Teheran: Gleichzeitig wurden in vielen Wohnungen die Bügeleisen einge- schaltet, um so eine ‹Stromspitze› zu verur-

sachen! ‹Kampf mit dem Bügeleisen› wurde diese Aktion genannt.

Der Widerstand des Bürgers gegen die widerrechtliche Machtausübung des Staa- tes hat kulturgeschichtlich einen langen Vorlauf: Die junge Antigone, die sich er- hebt wegen einer Anordnung, die ihr Gewissen als unrechtmäßig erkennt; eine Tat, die den jungen Mitgliedern der ‹Weissen Rose› als Vorbild dient. Oder Sokrates, dessen Gewissen (sein Dämon) ihm Respekt vor den Gesetzen auferlegt, auch wenn dies bedeutet, dass diese Gesetze ihn un- rechtmäßig zum Tode verurteilen. Als Form des bürgerlichen Ungehorsams ge- horcht er aus freiem Willen diesen Geset- zen! Ein sokratisches Paradoxon, das er nicht nur lehrt, sondern lebt.

Heute sehen wir, wie sich beispielsweise in den USA Bürger weigern, ihrer Steuer- pflicht nachzukommen, solange sie mit ihren Zahlungen dazu beitragen, Kriege zu finanzieren. Der erste, der sich dieses Mittels bediente, war niemand Geringerer als Henry David Thoreau, besser bekannt durch sein Buch ‹Walden, oder das Leben in den Wäldern›.

Er weigerte sich Steuern zu zahlen, die dazu beitragen würden, die Sklaverei zu unterstützen und wurde so ein ‹Steuer-Rebell›. Im Juni 1846 verbrachte Thoreau eine Nacht im Gefängnis. Sein Freund und Mentor Ralph Waldo Emerson soll ihn dort mit dem Ausruf be- sucht haben:

«Henry, was machst Du da drinnen?»,

worauf Thoreau geantwortet haben soll:

«Waldo, die Frage ist: Was machst Du da draußen?»

Ziviler Ungehorsam

1849 erschien Thoreaus Essay ‹Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat›, in dem er auf das Verhältnis zwischen Bürger und Staat einging und den zivilen Wi- derstand als Pflicht beschrieb. Immer dann, wenn eine Regierung die Rechte des individuellen Bürgers einschränke oder so- gar aufhebe, sei es die Pflicht des Bürgers, dagegen Widerstand auszuüben. Thoreau nahm den Begriff ‹Widerstand› aus der Mechanik, in der Druck durch Gegendruck entstehen kann. Wenn eine Regierung wie eine anonyme Maschine ihre Untertanen massiv unterdrückt, ist es an den Bürgern, Gegendruck auszuüben.

Da es sich um einen prinzipiell gewaltlosen Widerstand handelt, der seinen Ur- sprung in der inneren Stimme eines Ein- zelnen hat, können selbstverständlich keine Strategien vorgeschrieben werden. Für Thoreau ging es ausschließlich um die Kreativität des Einzelnen, die möglicherweise (aber nicht zwingend) andere ‹anstecken› und eine ganze Bewegung hervorr fen konnte.

für Gandhi wichtig, den Unterschied zwischen Formen des widerstandslosen Pazifismus und des aktiven Widerstandes, der jedoch keinerlei Gewalt anwendet, aufzuzeigen. Der ursprüngliche Name, den Gandhi für diese Form des ak- tiven Widerstandes gebrauchte, war ‹satya graha›, wörtlich: das kräftige Festhalten (agraha) an der höchsten Wirklichkeit der Wahrheit (satya). Satyagraha (erst später wurde es zu ‹ahimsa›) hat nach Gandhi drei Kennzeichen, durch die es sich von anderen Formen des passiven Widerstan- des unterscheidet:

1. Satyagraha ist eine Waffe des Starken.

2. Satyagraha gestattet keinerlei Gewalt, unter keinen Umständen

3. Satyagraha besteht immer auf der Wahrheit

Von diesem Standpunkt aus war es für Gandhi deutlich, dass einige westliche For- men des Widerstandes im beginnenden 20. Jahrhundert (etwa die Arbeiterbewegungen, die Frauenemanzipationsbewegung) nicht dem entsprachen, was er un- ter ‹satyagraha› verstand; sei es weil sie schlussendlich doch zu Gewalt übergingen, sei es, weil sie sich selbst in der Konfrontation mit den Autoritäten als schwach betrachteten und dadurch im ge- gebenen Moment Gewalt in ihrem Kampf zuließen. Aber der entscheidende Unter- schied blieben und bleiben das Element der Wahrheit und der Wille innerlich an dieser festhalten zu wollen.

Dass jede gewalttätige Form des Widerstandes außerhalb Gandhis ‹satyagraha› fällt, braucht nicht gesagt zu werden.

Der Konflikt zwischen einigen Mönchen und dem Dalai Lama nach den blutigen Unru- hen in Tibet im vorigen Jahr ging genau um diese Frage: Gewalt, ja oder nein?

Gewaltloser Widerstand bedeutet nicht von selbst, dass auch nach Wahrheit ge- strebt wird. Der gewaltlose Widerstand in den Straßen von Teheran ist unverkennbar; es bleibt jedoch eine offene Frage, die nur von jedem individuell beantwortet werden kann: Entspringen der Ruf nach Freiheit – unter der ja alles mögliche ver- standen werden kann – und die von Gandhi geforderte Verbindung mit der Wahrheit derselben Quelle?

Martyrein

Martyrein bedeutet ‹Zeugnis ablegen›. Es geht um das Ablegen eines Zeugnisses von der Wirklichkeit dieser Stimme in einem selbst und um den Willen, diese Stimme sich in einer Tat aussprechen zu lassen. Als wäre es die Stimme selbst, die aufstünde, so steht man auf. Ob es viele sind oder nur ein Einzelner, verändert nichts an der Tatsache, denn immer ist es der eine Mensch, der sich selbst aufrichtet.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts gab es be- eindruckende Zeugnisse der unbeugsamen Kraft, diese innere Stimme vernehmen zu wollen, Zeugnisse, die nicht selten ihren Ausdruck in einer Geste der äußersten Ver- letzlichkeit fanden. Denn in dem Maße, in dem ‹satyagraha› und der daraus entsprin- gende gewaltlose Widerstand «die Waffe der Starken» (Gandhi) ist, in dem Maße gibt es auch Verletzlichkeit. Sowohl Gandhi als auch Martin Luther King ha- ben diese Verletzlichkeit bis zum Äußers- ten getragen und bezeugt.

Einige dieser Gebärden gingen als Bilder um die Welt, so zum Beispiel der namenlose junge Mensch, der im Juni 1989 auf dem ‹Platz des himmlischen Friedens› eine Blume einem anrollenden Panzer entgegenträgt. Nach 20 Jahren wirkt seine Geste noch immer nach.

Es können auch die wenigen Eltern sein, die zusammen mit ihren Kindern eine Menschenkette bilden, um zu verhindern, dass ein Klassenkamerad ohne offi- zielle Papiere ‹repatriiert› wird.

Oder die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, die trotz ihres Berufsverbotes am nächsten Morgen wieder an ihren Schreibtisch ging und eine Akte öffnete.

Christine Gruwez

Das Goetheanum | Nr. 00 · 07