Nur ein Name: Daniel

Christine Gruwez

Erstes Bild: Ich stehe beim Grab des Propheten Daniel, des Traumdeuters und Sehers, dessen Schilderung seiner Visionen im Buch Daniel, das teils auf Hebräisch, teils auf Aramäisch abgefasst wurde, zu den apokalyptischen Schriften der Bibel gerechnet wird.

Zweites Bild: Vor einigen Jahren stand ich zum ersten Mal vor dem bis dahin für mich unbekannten Grab meines Großvaters, der während des Zweiten Weltkrieges in einem Arbeitslager in Deutschland gestorben war. Eine Art Kachel an der Mauer, auf der seinen Vornamen ‚Daniel’ steht, war alles, was auf seine Existenz hinwies.

Der Ort, an dem sich das Heiligtum des Propheten Daniel befindet, ist das Dorf Shush, das unmittelbar in der Nähe des antiken Susa im Südwesten des Iran liegt. Susa war einmal das königliche Machtzentrum großer aufeinander folgender Kulturen, so der elamitischen, achämenidischen und später der parthischen und assassinidischen Kultur, bis es allmählich seine Bedeutung verlor. Die Ebene von Khuzestan, ein fruchtbares Gebiet, in dem sich die heilige Stätte befindet, schließt an die mesopotamische Tiefebene an. Der Tigris befindet sich ganz in der Nähe. Weniger als 30 km entfernt befindet sich Dezful, eine moderne Stadt, die auf den Ruinen von Gondischapur gebaut ist, das einst die Residenzstadt Schapurs mit ihren Universitäten und Krankenhäusern war.

Das Grab Daniels befindet sich in der Krypta einer kleinen Moschee und unterscheidet sich in Nichts von den Gräbern und Mausoleen, in denen andere ‚Freunde Gottes’, Heilige des Islams, begraben sind.

Es wird allmählich dunkel mit dem typischen schnellen Wechsel von Tag und Nacht, der wie ein wohltuendes Versinken in die Nacht anmutet. Nur für kurze Zeit ist es noch hell. Ich sehe, wie Männer und Frauen kommen und gehen, um beim Grab zu beten und es mit Händen und Stirn zu berühren, um den Segen des Propheten zu erflehen. Obwohl Daniel nicht im Koran erwähnt wird, lebt bei der Bevölkerung eine tiefe Verehrung für ihn. Auf einer Wand unmittelbar neben dem Eingang hat irgendjemand in einem naiven Stil ein Porträt von Daniel in der Löwengrube gemalt. Sonne und Löwe sind die Urbilder der iranischen Kultur und Daniel ist derjenige, der die Einweihung in diese Kräfte überstanden hat. Auch im Frühchristentum wurde er immer wieder auf Gräber und Katakomben abgebildet. War er deshalb imstande, in die Zukunft zu schauen?

Ist dies eine heilige Stätte? Was verleiht einem bestimmten Ort einen sakralen Charakter? Im Iran gibt es zahlreiche heilige Stätten und geweihte Orte. Einige von ihnen, wie Mashad, wo Imam Reza, der achte Imam begraben ist und Qom, die Grabstätte seiner Schwester Fatema al-Masume gehören zu den wichtigsten Wahlfahrtsstätten der schiitischen Muslime.

Es gibt auch andere  heilige Orte, wie Mahan, eine kleine Stadt in der Nähe von Kerman, in der sich das Mausoleum mit der zauberhaften Kuppel des Mystikers Shah Nematollah Vali befindet, eines im Jahre 1431 verstorbenen Sufimeisters, der hier die letzten Jahre seines fruchtbaren spirituellen – und langen – Lebens verbrachte. Bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang geschieht es manchmal, dass kurz ein Halo des zartesten Magenta das intensive Türkis der Kuppel aufleuchten lässt. Dennoch ist es die eindrucksvolle Stille, die alle Eindrücke beherrscht. Als ich das erste Mal dieses Mausoleum besuchte, konnte ich einen Blick in die ‚chellah khnanek’, die Meditationszelle, werfen, in der sich der Mystiker in regelmäßigen Abständen für eine Periode von 30 Tagen zurückzog. Auf den Wänden des kleinen Zimmers konnte man noch immer die Diagramme, Meditationsbilder und Texte sehen. Es war, als ob ein ‚Duft der Stille’ mir entgegen wehte.

Ein heiliger Ort lässt sich nicht auf einen rein physisch eingrenzbaren Raum reduzieren. An erster Stelle geht es um ein spürbares ‚Aufgeladensein’ der Natur in ihrer Qualität als schöpferischer Kraft. Im vorislamischen Iran drückte sich dieses Aufgeladensein in ein besonderes Zusammengehen der schöpferischen Elemente, Wasser, Erde, Feuer und Luft in einer gegenseitigen Wechselwirkung aus. Eine besondere Landschaft, nämlich einKranz von Berggipfeln um eine offene Ebene und die Nähe eines heiligen Sees oder strömendes Wasser lag am Ursprung dieser heiligen Orte, in die der Mensch das reine Feuerelement brachte. Takht-I Suleiman, das zoroastrische Feuerheiligtum im Nordwesten des Iran, legt bis heute Zeugnis davon ab, wie die ätherische Qualität eines solchen Ortes das gesamte Gebiet durchdringt und dessen Kräfte steigert.

Wenn ein Mensch solch einen gesegneten Ort mit der Absicht aufsucht, sich dort eine Zeit lang geistig zu schulen, wie dies bei Shah Nematollah Vali der Fall war, entsteht innerhalb dieses bereits mit bestimmten Qualitäten aufgeladenen Raumes eine neue Ordnung und auch eine Mehrschichtigkeit. Die Ordnung kommt dadurch zustande, dass geistige Schulung eine Art Bezugspunkt entstehen lässt, um den herum sich die schöpferischen Kräfte immer stärker kon-zentrieren. Die Kraft, die von geistigem Üben ausgeht, ist so groß, dass diese wie ein Zentrum zu wirken beginnt und zwar als ein Zentrum, das als Mittelpunkt gesucht wird; diese Kraft wirkt nun auf alles, was in der Umgebung lebt. Ein solches Zentrum wirkt wie ein ‚Pool’, wie ein ‚qutb’, um den herum alles andere in Bewegung gerät. Der Prophet Daniel und der Ort, an dem er verehrt wird, stellen einen solchen Mittelpunkt dar. Die Mehrschichtigkeit ihrerseits beinhaltet, dass oberhalb des physischen Raumes desjenigen, das sich dort manifestiert, weitere Schichten zum Vibrieren gebracht werden. In der mystischen und esoterischen Tradition bekamen diese Schichtungen die Bezeichnung ‚Malakut’, die Seelenwelt der schöpferischen Urbilder, und ‚Jabarut’, die Welt der geistigen Ursubstanzen. Pilger, die eine heilige Stätte besuchen, haben Anteil an diesem geistigen Aufgeladensein des Raumes und kehren wie ‚aufgeladen’ nach Hause zurück.

Der schiitischen Tradition zufolge kümmerte Ali, der erste Imam, sich um eine Grabstätte für den Propheten Daniel. Es heißt, dass diese später viele Male umgebaut wurde, bis sie schließlich ihre heutige Gestalt mit dem auffallenden kegelförmigen weißen Minarett erhielt. Benjamin von Tudela, der das Grabmal im Jahre 1167 besuchte, berichtet, dass es dort auch eine Synagoge und eine jüdische Gemeinschaft gab. Historiker bringen die biblische Geschichte des Propheten Daniel in Verbindung mit der Zeit der babylonischen Gefangenschaft des jüdischen Volkes, aber viele zweifeln die Authentizität der Behauptung, es handle sich um das Grab Daniels, an.

Die erhabene Stille, welche den Pilger an dieser Kultstätte umgibt, die deutlich nicht dadurch entsteht, dass Hektik und Lärm zeitweilig gebannt sind, denn die Geräusche des Dorfes dringen bis hierhin vor, diese Stille spricht aber eine andere Sprache. Es geht hier um die einzigartige Sprache der Stille, die eine Tür zu einer anderen Zeit-Raumerfahrung öffnet. In ein Heiligtum hineinzutreten, bedeutet in diesen Zeit-Raum hineinzutreten.

Wenn ich das Heiligtum betrete, stehe ich einen Moment lang gleichzeitig auch an dem Ort im fernen Deutschland, an dem nur noch der Name eines Menschen erhalten geblieben ist. Ich befinde mich gleichzeitig hier und auch dort. Eine kühlende Brise kündet vom Kommen der Nacht. Ist es mein Körper, der wieder aufatmet? Oder atmet auch meine Seele auf, die hier imstande ist, beide Orte wie Ein Einziges zu erfahren, dieser Ort, an dem der eine Name in diesen unendlich viel größeren Namen aufgenommen wird, wem auch immer dieser Name gehören mag.

Übersetzung aus dem Niederländischen Agnes Dom-Lauwers