Kult und Kultur

Christine Gruwez

Die Durchlichtung der Welt. Alt-Iranische Geschichte

Markus Osterrieder/Peter Guttenhöfer

Gestalten und Entdecken/Geschichte

Pädagogische Forschungsstelle, Kassel

Peter Guttenhöfer, Dozent am Lehrerseminar für Waldorfpädagogik in Kassel, beginnt seine eindringliche Besinnung über das gemeinsame Schicksal von Mensch und Erde und die heutige Fragestellung, die im Zusammenhang mit diesem Thema steht, mit der Feststellung: „Der Mensch durchläuft sein Leben auf der Erde“ und wirft die Frage auf: “Ist die Erde in einer Entwicklung begriffen, die sie mit dem Menschen zusammen durchläuft?“

Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch Guttenhöfers Einführung, die sich mit der Kulturepoche in der zehnten Klasse der Freien Waldorfschule und im Besonderen mit dem Thema der Geschichte des „Ur-Irans“ befasst. Er sagt hierzu: „Ein paradigmatischer Erkenntnissprung kann geradezu zum Ausgangspunkt der Geschichte des Ur-Irans werden“.

Markus Osterrieder knüpft an dieser Stelle an mit einer äußerst faszinierenden, abschnittsweise überraschenden, wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzung über die Kultur des alten Irans, wobei er im ständigen Dialog mit der Problematik der heutigen Welt bleibt.

Der Schritt von einer nomadischen zu einer sesshaften Lebensweise stellt nicht nur eine der größten Veränderungen in der Geschichte der Menschheit dar, sondern bleibt in vielen Hinsichten ein Mysterium. Wann und auf welche Weise sind das Bewusstsein und das entsprechende praktische Wissen entstanden, durch die Ackerbau und Viehzucht eine rhythmisch wiederkehrende Tätigkeit wurden, die im Kreislauf der Jahreszeiten mit allen dazugehörigen Kenntnissen eingebettet ist?

Markus Osterrieder setzt sich mit dieser Fragestellung auseinander, indem er diese frühesten Epochen der Menschheit nun in der iranischen Kultur (Neolithikum und Bronzezeit) untersucht, wobei er auch die BezugnahmenRudolf Steiners auf die alt-iranische Kulturepoche berücksichtigt. Während Steiners Gliederung der Kulturepochen als Etappen der Bewusstseinentwicklung an erster Stelle das Ergebnis geisteswissenschaftlicher Forschung ist, erweitert Osterrieder dieses Untersuchungsfeld, indem er Untersuchungsergebnisse mit einbezieht, zu denen er nach einem zweifelsohne gründlichen und umfassenden Studium dieser Thematik gelangte. Viele Forscher und Archäologen des 19. und 20. Jahrhunderts hegen ein hartnäckiges Vorurteil hinsichtlich der ersten Epochen. Erstens sehen sie es als gegeben, dass diese ersten Menschen eine primitive Denk- und Lebensweise hatten, zweitens betrachten sie deren religiöseVorstellungen als Äußerungen dieses primitiven, vorrationellen Bewusstseins.

Osterrieder zitiert den französischen Forscher Jacques Cauvin, der folgendes sagte: „Was alle alten Völker der Erde in ihren mythologischen Überlieferungen von Ursprung und Herkunft ihrer Gemeinschaft berichten, sollte heute in neuer Weise ernst genommen werden, will man vorgeschichtliche Bewusstseinszustände der Menschheit auch nur ansatzweise begreifen“ (S. 26-27).

Osterrieder setzt sich zum Ziel, das ‚Vorgeschichtliche’ in seiner eigenen Art auf eine solche Weise in seine Anschauungen zu integrieren, dass dieses zu einem umfassenderen Bild der prähistorischen, vorgeschichtlichen Kulturen beiträgt. Wenn möglich untermauert er diese Beiträge durch Ergebnisse aktueller archäologischer Forschung; Kult (das Religiös-Rituelle) und Kultur (Ackerbau, Viehzucht) bedingen und begründen einander in diesen frühesten Epochen. Das Gebiet des Iran mit seinem Kernland Afghanistan, ein Gebiet, das in seiner größten Ausdehnung bis Nord-China reichte, war in dieser Hinsicht eine Art ‚Labor’, in der Kult und Kultur in einer fortwährenden – und fruchtbaren – Wechselwirkung miteinander standen.

In diesem Kontext betrachtet Osterrieder die Gestalt Zarathustras, sowohl in seiner ‚mythischen’ als auch in seiner historischen Wirklichkeit, wobei beide Dimensionen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Zarathustra lehrte den Menschen, den eigenen lichtvollen Wesenskern in einer inneren Haltung der Wahrheit zu pflegen und ihn bei der Umwandlung der Erde einzusetzen. Das ‚Durchlichten’ der Erde als das zentrale Thema seiner Lehre kündigt zugleich die Praxis der Landwirtschaft, das Veredeln der Erde, an.

Das, was in einer fernen Vergangenheit als die richtige (dem Wesen nach sowie in Wahrheit) Beziehung zwischen Mensch und Natur aufblühte, taucht erneut als größte Herausforderung im 21. Jahrhundert auf, nämlich die Frage nach der Beziehung zwischen Mensch und Erde. Dabei steht der Entwurf einer neuen Verbindung von Kult und Kultur im Mittelpunkt.

Das Buch ‚Die Durchlichtung der Welt’ verortet sich am Schnittpunkt sehr unterschiedlicher Disziplinen wie Landwirtschaft, Iranistik, Pädagogik, Archäologie und dem Studium der Prähistorie. Die Fragestellung über die sich verändernde Beziehung zwischen Mensch und Erde macht dieses Buch darüber hinaus zu einer höchst aktuellen Schrift.

Außerdem ermöglichen es die zahlreichen Bezüge zu wissenschaftlichen Studien und Anschauungen der geisteswissenschaftlichen Forschung dem Leser ein eigenes Urteil zu bilden und bestimmte Aspekte zu vertiefen. Eine ausführliche Bibliographie bietet dazu die nötigen Informationen.

Übersetzung Agnes Dom-Lauwers