Iran, zwischen Aufstand und Rebellon

Christine Gruwez

Zwei Wochen lang stand der Iran weltweit im Scheinwerferlicht der Medien. Am 25. Juni zeigte die flämische meinungsbildende Wochenzeitschrift Knack auf ihrer Titelseite ein Foto von jungen Leuten vor dem berühmten Azadi-Monument in Teheran – das Bild schlechthin für das, was sich in den letzten Jahrzehnten im Iran abgespielt hat. Bei dem Denkmal handelt es sich um eine Art offenes Tor mit zwei Durchgangsbögen, der eine in vorislamischem sassanidischem Stil wie ein Tonnengewölbe, der andere greift die schlichten, klaren islamischen Architekturformen auf. Die beiden Durchgangsbögen kreuzen sich im Innern des turmartig anmutenden Gebäudes, wo sich eine einzige Halle nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet öffnet.

Azadi bedeutet Freiheit. Das Monument wurde im Auftrag des letzten Schahs erbaut, aber erst nach der Revolution gab man ihm den Namen ‚Freiheit’.

Freiheit lautete auch der Schrei, mit dem Hunderdtausende in verschiedenen iranischen Städten nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses auf die Straße gingen, wobei sie auf unglaublich brutale Weise auseinander getrieben wurden. Auf den Bildern, die in den nächsten Tagen um die Welt gingen, fiel auf, wie viele junge Leute unter den Demonstrierenden waren.

Iran ist ein Land mit mehrheitlich jungen Menschen, die innerlich unterschiedlich orientiert sind, wie auch die übrige Bevölkerung. Den Weg zur Freiheit beschreiten nicht alle durch dasselbe Eingangstor. Ein Teil der jungen Leute ist überzeugt, dass der Weg zur Freiheit durch den islamischen Eingang führt, ein anderer Teil wählt den vorislamischen, den sie für den ‚wahren iranischen’ Weg halten.

Diese letzte Gruppe erscheint in der Weltpresse, aber es wäre eine falsche Einschätzung, wenn man meinen würde, diese stehe für die Gesamtheit der jungen Menschen. Deshalb bleibt die Frage offen, ob es richtig ist, von einer Revolution zu sprechen. Während der Revolution 1979 stand das gesamte Volk auf. Heute dagegen handelt es sich nur um einen Teil der Bevölkerung, nämlich um denjenigen, der sich größtenteils hinter einen bestimmten Kandidaten gestellt hat und sich nun in der Rolle des ‚Regimegegners’ wiederfindet, obwohl das keineswegs seine ursprüngliche Intention war.

Ebenso wenig kann die erschossene Neda als eine Ikone der Protestbewegung gesehen werden. Ihr Tod, wie tragisch er immer auch sein mag, ist dem Zusammentreffen verschiedener Umstände zuzuschreiben. Sie selbst hatte keinerlei Ambitionen, auf die Straße zu gehen um zu protestieren und, obwohl sie wie so viele junge Leute die jüngsten Ereignisse kritisierte, beteiligte sie sich nicht an den Kundgebungen.

Die wirkliche Tragik besteht darin, dass die Jugendkräfte, in sofern sie sich auf ein Ideal richten, in beiden Fällen ‚verbogen’ werden. Sie werden also für die Verwirklichung von Zielen benutzt, die dem Jugendideal seine Kraft entziehen möchten. Die Bezeichnung ‚in beiden Fällen’ heißt hier: sowohl die jungen Leute, die die Freiheit darin suchen, ihre Bestrebungen nach westlichen Modellen auszurichten, als auch diejenigen, die bereit sind, auf der Suche zwischen Pflicht und individueller Freiheit nach islamischem Vorbild vorzugehen.

Die jungen Leute, die zu Protestaktionen übergingen, werden in den westlichen Medien aus einem westlich zentrierten Standpunkt  beschrieben und in den Kommentaren ‚benutzt’, um zum Beispiel das Bild des autokratischen Regimes im Iran, das die Menschenrechte mit Füßen tritt, zu bestätigen. Dieses Bild mag in vielen Hinsichten mit der Wirklichkeit übereinstimmen, aber auf diese Weise wird der rechtmäßige Protest im Sinne eines gängigen, brauchbaren westlichen Diskurses verbogen. Wenn den Protestierenden dann auch noch mit Hilfe einer äußerst fortschrittlichen Kommunikationstechnologie (‚Twitter’), ebenfalls aus dem Westen stammend, zur Verfügung gestellt wird, fühlt sich diese Gruppe zwar anerkannt und ermutigt, aber ist dennoch wehrlos (denn unwissend-naiv) gegenüber diesen und anderen Formen des Verbiegens.

Die andere Gruppe von jungen Menschen, die in gutem Glauben die Richtlinien der offiziellen Führung befolgen, ist ihrerseits der Spielball in einem Konflikt, der sich außerhalb ihrer Reichweite abspielt. Seit Jahren ist ein interner Machtkampf zwischen Vorfechtern eines verstärkten wirtschaftsliberalen Kurses, der auf den Welthandel ausgerichtet ist und durch den hohe Gewinne erzielt werden können einerseits und denjenigen, die die strikte Eigenheit des islamischen Irans und sei es auf Kosten des wirtschaftlichen Wohlstandes, gewährleisten wollen andererseits, entbrannt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die erstgenannten auch westliche Freiheitsformen erlauben wollen und ebenso wenig bedeutet es, dass die letztgenannten jegliche Entwicklungsformen aus der Welt bannen wollen. Die letztere Gruppe von jungen Menschen aber ist noch stärker als ihre ‚Gegenspieler’, die auf die Straße gehen, Opfer einer fast aussichtslosen Arbeitslosigkeit, eine Arbeitslosigkeit, die sich auf jeden Fall fatal auswirkt, denn auch diese jungen Leute sind hoch gebildet, aber ihr familiärer Hintergrund kann ihnen nicht die ‚Kompensierungen’ und Milderungen bieten, die die wohlhabende Oberklasse ihren Kindern zukommen lässt.

Die Zukunft des Irans liegt versinnbildlicht im Azadi-Monument wie eine Frage, aber auch wie ein Zeichen der Hoffnung: Ist es denkbar, dass beide Gruppen, jeder durch das eigene Zugangstor schreitend, sich in der überkuppelnden Halle einen Augenblick lang anblicken können?

Das, was sich im Iran ereignete, ist (noch) keine Revolution. Aber liegt nicht die wahre Umwälzung in der Möglichkeit, dass sich diese beiden Seiten des einen Iran, nämlich die jungen Menschen, aber auch die übrigen Bevölkerungsgruppen, einander begegnen und entdecken könnten: Wir sind zwar Träger der Vergangenheit, die sich durch ihre faktische Entwicklung in eine vorislamische  und eine islamische Zeitepoche hat aufteilen lassen, aber wir sind auch Träger einer gemeinsamen Zukunft. Und diese Zukunft ist nicht mehr länger von dem Tor abhängig, durch das wir hinein gegangen sind. Diese Zukunft bekommt nur dann eine Chance, wenn in dem Innenraum unter der einen Kuppel die gegenseitige Erkenntnis zugelassen wird, dass Freiheit nicht nur Befreiung bedeutet, egal ob es sich um Befreiung eines religiösen Regimes oder um die Befreiung von westlichen Einflüssen handelt, sondern dass wahre Freiheit einzig und allein um des anderen Menschen willens existieren kann.

Dieses Ideal der Freiheit, wofür erneut viele junge Leute ihre Existenz furchtlos aufs Spiel setzen, kann durch die Annäherung, durch die zwei Tore hindurch beginnend, nur noch an Wirkungskraft gewinnen.