Folter: Die offene Wunde

26. Juni  internationaler Tag der Folteropfer

1997 hat die UN-Generalversammlung den 26. Juni zum „Internationalen Tag zur Unterstützung der Opfer der Folter“ erklärt. Bis auf den heutigen Tag versuchen unzähligen von diesen ‘Opfer’ vergebens ihr Leben wieder in Bewegung zu setzen. . Die Spuren der Folter lassen sich nicht   ohnehin verwischen und wirken sich bekanntlich auch aus auf diejenigen die in der  nächste Umgebung da sind.  Auch sie tragen mit an diesem Leiden.  Fast jeder zweite Flüchtling der es bis Europa ‘schafft’  ist aufgrund dieser  schwerer traumatischer Erlebnisse psychisch instabil. Fast jeder fünfte Flüchtling leidet an einer Art chronische Depression.

Wie kommt jemand dazu seinen Mitmenschen absichtlich zu peinigen und Schaden zuzufügen? Wobei er sich selbst gehorchsam  darleiht (darlehen/ ‘ uitlenen’ auf Niederländisch ) damit Anderen dank seiner Handlung, ihre Ziele erreichen können?   Denn auch dies(es)  heisst Folter! Es hat in den vergangen Jahrzehnten mehrere Experimente gegeben, die alle darauf hindeuteten wie mühelos diese Grenze  zum ‚Folterknecht’ ueberschritten worden kann, auch von einer ganz normalen Persönlichkeit. (Zum Beispiel: der Experiment an der Stanford University California 1971, SPE , ‚Stanford Prison Experiment)

Wie wird  aber dieses Ungeheueres von denjenigen die es erlebt und ueberstanden haben, im nach hinein erfahren? Diesen Augenblick der Folter, wo Menschen mit einander in einer engen leibliche Nähe verwoben sind und sich trotzdem zwischen Ihnen der grösst denkbare Abstand offenbart? Wie kann dies je bestanden, geschweige, der Abstand ueberbrückt werden?

Dass es diese Praxis der Folter weltweit gibt in den sogenannten autoritär-repressiven Regimen ist allgemein bekannt.   Dass  aber auch diejenige Länder die sich als demokratisch, zugleich  als Befürworter der  universellen Menschenrechten  profilieren ebenfalls die Folter praktizieren, ist kaum zu fassen. Denn da kann nicht länger ein bestimmtes ‚rückständiges oder noch nicht aufgeklärtes’ Regime der Urheber sein.  Abu Ghraib und Guantanamo Bay  sind in diesem Bezug zwar Wahrzeichen aber keine Ausnahme.

Zum Beispiel die Praxis verdächtige Personen ohne jegliche rechtsstaatliche Kontrolle in verschiedene Länder zu verschleppen wo sie gefoltert werden. (‚ Extraordinary Rendition’)  Ein heutzutage  frequentes Phänomen und jetzt in der Oeffentlichkeit bekannt.  Oder auch Ueberstellungsflüge und geheime Inhaftierungen (in sogenannten Black Sites)  die  von bestimmten Mitgliedstaaten des Europarates konkret unterstütz worden.

In dem Film ‚Torture made in USA’  von Marie Monique Robin, die bekannte franzözische Untersuchsjournalistin (Investigation Reporter) wird dieses Handlungsverfahren : ‚Folter durch Prokuration’ genannt.  (‚Torture par procuration’)

So wie der Folterer sich darleiht ( darlehen) damit jemand der Tortur untersetzt wird, so leihen (lehen?) sich Nationen dar, damit diese Praxis ausgeliehen werden kann. Eine wohl  ganz besondere Art von ‚Outsourcing’! In dieser Weise kann dann offen  verkündigt werden daß es ‚in unsere Nation kein Folter gibt’. Das stimmt und ist trotzdem unwahr.

Zudem haben sich neue Sichtweisen durchgesetzt. Es gibt so etwas wie die neueste  ‚moderne’ Formen der Anwendung.   Waren Folterpraktiken im Mittelalter hauptsächlich dazu bestimmt  als ein  abschreckendes Beispiel zu wirken, dann ist die Option heute,  extremer Schmerz aber keine sichtbare Spuren’ Damit jede Möglichkeit eines physischen Beweises  ausgeklammert wird. Darius Rejali hat dieses ‚Vademecum der moderne Tortur’ ausführlich dargestellt in seinem ‚ Torture and Democracy. (Princeton Press, 2007)  und geht davon aus daß es heutzutage überall  üblich ist.

Oder wenn der Henker sich eine Kappe aufsetzte damit er sich vor eventuelle Rache schützen könnte, dann werden heute  reflektierende Brillegläser  verwendet damit kein Augenkontakt zustande kommen kann. Was damit  gezielt wird ist klar : das ‚Menschliche’ soll auf jedem Fall gewehrt werden.

Vor einigen Jahren hatte ich am Ort Kontakt mit einer Gruppe von Aerzte und Therapeuten, einigen auch mit der Anthroposophie bekannt,  die in Libanon sich den Opfer von Folter widmeten. Er war wenige Monaten nach dem Ausbruch des Irakkrieges 2003 und viele  ihrer ‚Patienten’ waren  Flüchtlinge aus dem Irak . Auch Kinder waren dabei.  Aus  den Gesprächen die wir damals hatten würde deutlich daß an beiden Seiten, Helfer und Hilfesuchenden  ein gleicher Ausmaß an Ohnmacht (Hilflosigkeit)  sich vortat. Die damalige Behörden hatten zwar nach besten Könnens Programme zur  Retablierung organisiert und unterstützt. Eine Weile hatten wir uns auch die Zeichnungen angeschaut die in den farbigen Raumen aufgehängt waren.  Aber keiner dieser Programme hatte zum Erfolg daß einen erneuten Zugang zum Menschlichen möglich würde. In den meisten Fallen war ein völliger Zusammenbruch der Individualität der Fall. ‚Genau darauf wird gezielt beim Folter’ sagte mir eine Aerztin,  das Ich verschließt sich, indem es sich zurückzieht.  Spâter findet es nicht mehr die Möglichkeit sich wieder zu eröffnen. Denn sich öffnen heißt sich der Verletzbarkeit preisgeben. Eben dies will das Ich! Sich wieder erletzbar –aber aus freien Willen- der Welt eröffnen. Und erst dort kann das Menschliche neu erstehen. Die besseren Chancen ihrer Erfahrung nach  hatten diejenigen die sich schon vorher mit einem Ideal identifiziert hatten.  Oder von einer Idee ganz durchdrungen waren. Aber manchmal sind sie dann auch durch den entsetzlichen Erlebnissen  innerlich verhärtet. Auch wenn sie später anscheinend besser wieder anknüpfen können an dem ‚Normalen.“

In den immer längeren Pausen- keiner  hatte noch das Bedürfnis etwas zu sagen-  würde allmählich eine nie ausgesprochene  Frage hörbar- eine offene Frage-  erst leise dann aber von einer wachsenden  Intensität : wie ist es denn mit denjenigen die die Folter begehen?

Keine Antwort kann da helfen. Nur die Kraft bei dieser Frage wach zu bleiben.

Christine Gruwez