Brannte nicht unser Herz in uns?

Selbstergreifung in ambivalenter Zeitlage

Christine Gruwez

Zwei an einander entgegengesetzte Stimmungen beherrschen heute weltweit das Gedanken- und Gefühlsklima – und bewirken, dass man entweder in den Griff von Furcht und Verunsicherung  gerät oder voller Erwartung einer neuen Vision entgegenblickt. Christine Gruwez sucht in diesem Spannungsfeld der Seele eine Chance zur Selbstergreifung.

Selten hat es wohl so reichlich Anlass gegeben, von Augenblick zu Augenblick zwischen Hoffnung und Verunsicherung  zu schwanken.  Auf der eine Seite bricht manches zusammen, was bis vor kurzem noch auf festem und sicherem Boden zu stehen schien, und auf der anderen Seite spielt sich etwas vollkommen Unerwartetes ab.

Die aktuellen Phänomene für die Stimmungswechsel sind bekannt: Zum einen die Finanzkrise – in den reichsten Weltregionen entfackelt – wird Millionen  Menschen  ihren Arbeitsplatz kosten, unzählige andere werden in noch tiefere Armut gestürzt. Es genügt mithin, Bilder von chinesischen Arbeiterinnen und Arbeitern anzuschauen, deren Fabrik am nächsten Morgen die Tore mit einem Male nicht mehr aufmachte. Auf ihren Gesichtern zeichnet sich die globale Katastrophe ab: «Was jetzt? Was wird aus mir? Wie weiter?» Oft ist noch nicht einmal mehr genügend Kraft vorhanden, um wütend zu sein. Was bleibt ist stumme Ohnmacht und  Verzweiflung.

Desillusionierung und neue Hoffnung

Andere Stimmen versuchen einer gewissen Dankbarkeit darüber Ausdruck zu verleihen, all dies mitzuerleben. Endlich ist der  Illusionsvorhang ‹Gewinn hat keine Grenzen› weggerissen. Die nackte Wahrheit kommt zum Vorschein. Ein System, dass scheinbar unüberwindlich schien, geht  an sich selbst zugrunde.

Kurz danach kam, wie ein Einschlag in der Geschichte,  der Sieg von Barack Obama, an den viele nicht hatten glauben können. Endlich erscheint jemand auf der Weltbühne, der die Sehnsucht nach einen neuenAnfang zu verkörperen scheint. Während seiner Ansprache in Chicago am Abend des 4. Novembers  war eine weitere Gelegenheit in Gesichtern von Menschen lesen zu können: Eine Welle der Hoffnung zog durch die Menge der Zuhörenden, ja durch die Welt.

Es ist unschwer zu erkennen, welche Gebärden sich in diese beiden Stimmungsrichtungen aussprechen wollen.  Wo die Existenzgrundlage gefährdet wird, wirkt eine Gebärde des Ausschließens. Nicht nur wird einer, dem sein Arbeitsplatz verloren geht,  vom ‹normalen› Leben in einer Gesellschaft ausgeschlossen, sondern auch die Angst, die dadurch entsteht, isoliert ihn selbst in seiner Seele. Zweifach also ist diese Sonderung: Einmal im Leben im Miteinander und einmal im Leben im eigenen Selbst. Das Herz verzweifelt und verschließt sich, jeden Tag ein wenig mehr.

Wo aber dagegen  Hoffnung erweckt wird, kann das Herz sich öffnen. Viele haben für einen Moment erleben können, wie ihnen das Herz aufging und mit pulsierendem  Leben durchzogen wurde. Aber kaum einen Monat  nach den Wahlen in den USA ist schon die Versuchung da,  diese Herzensoffenheit zu vergessen, zu bezweifeln, sogar zu kritisieren: Sind wir allzu ‹naiv› gewesen? Wird er (Obama) das alles tatsählich so verwirklichen, wie er es angekündigt hat?

Ein Herz, das geöffnet worden ist, heißt auch: ein Herz, das ‹wissend› wird. Ein solches Herz hat die Möglichkeit und damit  die Aufgabe, offen und wach zu bleiben, aber jetzt aus eigener Kraft. Auch wenn es dunkel wird und keiner weiß, wie es weitergehen soll. Erst dann wird das Urteilen aus dem Herzen in wachsender Unsicherheit zu einem eigenen Anliegen, erst dann kann Halt im Schwanken gefunden werden.

Ob Obama das alles auch wirklich machen wird, ist dann nicht mehr länger entscheidend. Die Hauptsache ist jetzt, ob jeder das – im Herzöffnen – selbst Versprochene einhalten kann.

Innerliches Exil oder Herzöffnen

Was heute in der Welt vor sich geht, das greift  tief in die Vertrauensgrundlagen ein. Es wird immer schwieriger zwischen den Zeichen eines Zusammenbruchs und denen eines Umbruchs zu unterscheiden. Noch schwieriger scheint es, herauszufinden, was die beiden mit  einander  zu tun haben, wie Abbau und Umbau einander gegenseitig bedingen. Vor dieser Herausforderung neigt die Seele dazu, sich in allerhand vertraute Denkgewohnheiten und Abwehrmechanismen einzukapseln.

Wenn aber die «Herzen beginnen, Gedanken zu haben» (Rudolf Steiner, GA?26), dann wird die heutige  Krise eine solche, die unser Sein als Mensch im Ganzen angeht. Ja, die Krise wird sogar zu einer Einladung, die bislang gültigen Vorstellungen über  Wachstum und Wohlstand neu zu überdenken.

Aber: Was heisst denn ‹Herz›? Was bedeutet es, wenn ein Herz sich öffnen kann und es sich in dieser Erfahrung zugleich auch darüber bewusst wird, dass es bis anhin versiegelt war? Und weiter:?Was bedeutet es, wenn das Herz, indem es sich verschließt, nach und nach vergisst, dass es auch offen sein kann?

Für einen Mystiker ist ‹Herz› zugleich  Ort und Organ, mit dem ein unmittelbares (intuitives) Erkennen möglich ist. Dieses Erkennen ist ‹unmittelbar›, weil es im Gegensatz zum gewöhnlichen Bewusstsein nicht mit Vorstellungen belegt ist, in die auch immer Gefühlsurteile und Wünsche des inneren Seelenraumes hineinspielen.

Im alltäglichen, gewöhnlichen Bewusstsein steht die Seele vor zwei Verschleierungen, die sich zwischen sie und die Welt ziehen: Zum einen begegnet sie ihren eigenen Vorstellungen und nicht der Welt in ihrer Wahrheit. Die Seele droht zu verhärten. Zum anderen erlebt die Seele, indem sie kennt, fühlt und will, auch immer sich selbst. Dieses Sich-selbst-Empfinden der Seele wirkt wie eine Scheidewand, auf die sie sich selbst projeziert. Die Seele droht leer zu werden.

Diese doppelte Scheidewand kann aufgehoben werden. Zum Beispiel in solchen Momenten, wie dem, als Barack Obama zu den Menschen in Chicago gesprochen hat – und nicht nur  zu diesen, sondern zu den Millionen von Menschen, die dieses Ereignis weltweit übers Fernsehen mitverfolgten. Was immer zwischen der Seele und der Welt stehen mag, kann in solchen Augenblicken weggerissen werden. Einen Moment lang begegnet man der Wirklichkeit: der Wirklichkeit der Welt und der Wirklichkiet seines eigenen Wesens – und beiden zugleicher Zeit.

Was sich als solches ereignete, als Obama redete, was als solches weltweit umherging war wahr und kann nie mehr aus der Geschichte getilgt und ausgewischt werden, was immer auch danach kommen mag. Der Moment selbst bleibt wahr.

Die Chance der Selbstergreifung

Dieser Moment  des Aufwachens, der uns gewissermassen geschenkt worden ist, birgt eine Chance, die Chance der Selbstergreifung: Jetzt, da wir aufgewacht sind, diese Wachheit aufrecht und offen zu halten.  Wie? Zum Beispiel dadurch, dass man den frei geworden offenen Raum nicht sofort wieder all dem Preis gibt, was sich so alles im Dunkeln der Seele herumtreibt. Sich nicht hinzugeben den lähmenden Gefühlen der Ohnmacht –  auch wenn diese Ohnmacht ein unausweichlicher, ja notwendiger Bestandteil unserer Lebensverhältnisse ist und sein wird. Denn Ohnmacht, der man versucht, mit dem Mut des Vertrauens standzuhalten, hat eine gänzlich andere, ja entgegengesetzte Wirkung: mit einer in Wachheit getragenen Ohnmacht öffnet sich ein innerer Raum, in dem man endlich der Welt und sich selbst  ohne Scheidewand begegnen kann. In Wachheit getragene Ohnmacht kann immer wieder die  Scheidewand zu uns und zur Welt aufheben.

Diesen Mut zum Vertrauen nennt Rudolf Steiner auch die Kraft des Glaubens. (vgl. Rudolf Steiners Vorträge vom 2. und 3. Dezember 1911, GA 130). Es ist eine Kraft, die die Seele zu beleben vermag. Die Seele, in der wieder Leben pulsiert, kann zum offenen Herzen werden, zu einem Herzen, das fähig wird, die Hoffnungen aus der Zukunft (und nicht eine Hoffnung für die Zukunft)  auf sich zukommenzulassen.

Der Apostel Paulus bezeichnet die dritte Kraft, die zwischen Glaube und Hoffnung vermittelt, als die «größere».  Ein Herz, das aus bedingungsloser  Offenheit heraus  leben kann und hoffen will, ein solches Herz wird ‹brennend›:   «Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete?» (Lukas 24, 32).?ó